Autos haben keine Saloon-Türen.

Radfahrende kennen diesen Moment: Kurz vor dem Fahrrad fliegt plötzlich eine Autotür auf, als käme jemand aus einem Saloon im Wilden Westen. In Sekundenbruchteilen muss man als Radfahrer*in entscheiden, ob man ausweichen muss und ob das im vorbeiströmenden Verkehr überhaupt möglich ist. Wer durch ausreichend Abstand diese Gefahren vermeiden möchte, hat ein anderes Problem: Radfahrer*innen sollten gemäß dem Rechtsfahrgebot so weit wie möglich rechts fahren. Das wäre abzüglich der Türbreiten der parkenden Pkw ein Abstand von 1 bis 1,5 Meter. Zusammen mit der Lenkerbreite von durchschnittlich etwa 70 Zentimetern wären Radfahrende damit also auf der Mitte der Fahrbahn, sprich über zwei Meter von den parkenden Autos entfernt. Das trauen sich allerdings die wenigsten. Denn diesen Abstand stufen die meisten Autofahrenden als übertrieben ein und fordern für sich den Platz ein; ein Perspektivwechsel ist an dieser Stelle dringend geboten. Als Folge werden Radfahrer*innen von vielen Autofahrenden zu dicht überholt, genötigt oder angehupt und haben so die Wahl zwischen Pest und Cholera. 

Der Spiegel- und Schulterblick ist beim Aussteigen aus einem Auto zwar verpflichtend, wird aber oft auch vergessen oder nicht konsequent praktiziert. Was hilft, ist geschützte Radinfrastruktur. Da diese noch nicht überall geschaffen wurde, können Autoinsass*innen die Gefahren des sogenannten Doorings durch den holländischen Griff („Dutch reach“) vermeiden. Hierbei greift der*die Fahrer*in den Türgriff beim Öffnen nicht mit der linken, sondern mit der rechten Hand. Durch diesen simplen Kniff muss sich der Oberkörper drehen, man nimmt automatisch die Position für den Schulterblick ein. Ein weiterer Vorteil: Autotüren werden so weniger schwungvoll geöffnet. Obwohl diese Lösung sehr einfach und effektiv ist, ist sie kein fester Bestandteil der Lehrpläne in deutschen Fahrschulen. Die Unfallforschung der Versicherer ermittelte, dass über die Hälfte aller innerstädtischen, mit parkenden Fahrzeugen zusammenhängenden Fahrradunfälle auf das Dooring zurückzuführen ist. Die Folgen sind oft schwer. In Osnabrück lag ein durch eine Autotür verletzter Mann sieben Jahre im Wachkoma, bis er 2017 an den Folgen der Kollision starb.

„Wie oft vergewissern Sie sich, ob beim Aussteigen jemand von hinten kommt?“

Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrats (DVR)

16%

der Autofahrenden führen selten oder nie einen Schulterblick durch (nach eigener Aussage)

7%

der Autofahrenden blicken beim Aussteigen nicht einmal in den Spiegel (nach eigener Aussage)

Als Antwort auf solche Unfälle wird oft eine Helmpflicht gefordert. Ein Fahrradhelm kann sicherlich vor schweren Kopfverletzungen schützen. Doch es ist absurd zu verlangen, dass diejenigen sich wappnen müssen, die durch bloße Unachtsamkeit anderer zum Opfer werden können. Oder würde jemand etwa auf die Idee kommen, mit Gasmaskenpflicht für alle auf die Luftverschmutzung zu reagieren?

»Wo kommen Sie denn plötzlich her?«

Nicht nur Kfz-Fahrer*innen, auch Beifahrer*innen müssen achtsam sein. Denn manchmal verläuft der Radweg rechts von den geparkten Autos. Auf den oft schmalen Radwegen ist ein Ausweichen dann nur schwer oder durch Ausweichen auf den Gehweg möglich. Einer Umfrage des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) zufolge denken 13 Prozent der Autofahrenden beim Aussteigen selten oder nie an die Gefahr eines Dooring-Unfalls. „Huch, ich hab’ Sie gar nicht gesehen“, heißt eben nichts anderes als: „Ich habe einfach nicht geguckt.“ Wer aber einmal diese gefährliche Situation am eigenen Leib erfahren hat, wird das Risiko dieses unbedachten Moments des Türöffnens nicht mehr vergessen.

Radfahrende können so gut wie nichts gegen die Gefahren des Doorings unternehmen. Der Blick zur Seite vor dem Öffnen der Autotür liegt also in der Verantwortung derer, die ihr Fahrzeug verlassen. „Radfahrende können meistens weder rechtzeitig bremsen noch ausweichen, wenn sich eine Autotür vor ihnen öffnet: Bei einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde ist ihr Bremsweg 11 Meter lang. Je nach Geschwindigkeit müssten Radfahrende 7 bis 15 Meter vor der aufspringenden Tür reagieren, um einen Aufprall zu vermeiden.“ (Senatsverwaltung für Umwelt, Klima und Verkehr Berlin).

Bußgelder bei Gefährdung durch Dooring
0

bei Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer beim Ein- oder Aussteigen (Dooring)

0

wenn es dabei zu einem Unfall kam

Quellen
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